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Neunkirchen Fragen und Antworten zu Verstorbenen und Grabstellen

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Alt 19.01.2008, 11:34
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Standard Judentempel starb einen stillen Tod

Judentempel starb einen stillen Tod
von Stadtpfarrer P. Dr. Bernard Springer

Sie gehört längst abgerissen. Die Synagoge - der Judentempel in der Neunkirchner Rohrbacherstraße. Wer braucht den Tempel auch noch, denn Juden gibt's keine mehr in Neunkirchen. Außerdem verschandelt die Ruine unsere Stadt und die Trümmer vom Dach könnten jemanden erschlagen...

Ich steige über Ziegelhaufen den noch stehenden Außenmauern. Das Dach wurde gerade demoliert, doch schon lange vorher hatte man einen Ausblick auf den Himmel. Ein junger Mann, der beim Abbruch beschäftigt ist, kommt zu mir. Er erkennt mich - den Pfarrer von Neunkirchen - und sagt zu mir: das muß sie irgendwie schmerzen. Er sagt es mir auf den Kopf zu. Dieser Arbeiter hat verstanden, warum ich der Ruine noch einen Besuch mache und was mich mit ihr verbindet. Weil ich hoffe, daß meine Gedanken dort in den Trümmern auch andere traurig machen kann, habe ich sie aufgeschrieben. Es gibt eine heilsame Trauer.


Hier haben Menschen, jüdische Mitbürger, gebetet, Gottesdienste gefeiert und Freud und Leid vor den Ewigen gebracht. Übrigens war ihr Beten dem Beten Jesus sehr ähnlich. Unser Jesus hätte sich dort besser zurechtgefunden als in der Stadtpfarrkirche. Hier wurden die Sabbat-Gottesdienste gehalten und die hohen Feiertage im Herbst begangen. Um es genau zu sagen, Juden haben sich hier 55 Jahre zum Gebet versammelt, von 1883 bis 1938 - bis zur "Reichskristallnacht". Damals wurde auch diese Synagoge geschändet und beschädigt, da gab's keine Ausnahme, denn die Organisation war perfekt. Viele andere Synagogen wurden angezündet und ganz zerstört. Die einfachen Formen dieses Historismusbaues haben selbst noch im ruinösen Zustand Schönheit ausgestrahlt. Ein Bau der wie viele andere Synagogen der Monarchie als sichtbarer Ausdruck der den Juden 1867 gewährten juridischen Gleichstellung entstand. Wie weit freilich diese Gleichstellung auch tatsächlich von der Mehrheitsbevölkerung der Minderheit zugestanden wurde, darauf läßt eine Eintragung in unserer Klosterchronik schließen: "Der Gemeindeausschuß bewilligte umso schneller den Bau dieses Tempels an jenem Platz, da die Juden , denen ja alles nach Wunsch geht, gewiß im inneren Markte eine Platz bekommen hätten, um ihr Bethaus zu errichten."

Modell für den Synagogenbau in Neunkirchen waren die Synagoge in Kobersdorf, denn zur dortigen Gemeinde hatten die Juden Neunkirchens besondere Beziehungen, stammten doch manche Familien aus dieser alten burgenländischen Judengemeinde. Die Kobersdorfer Synagoge wird der Nachwelt erhalten bleiben und von der burgenländischen Landesregierung restauriert. Jene in Neunkirchen stand leider nicht unter Denkmalschutz.

Viele Neunkirchner können sich noch an die unglücklichen Menschen mit dem gelben Judenstern erinnern. Während des Krieges waren jüdische Zwangsarbeiter aus Polen, Rumänien und Russland in der Synagoge einquartiert. Sie mußten ein Zwischengeschoß einziehen und unter menschenunwürdigen Bedingungen hausen.

Das Mahnmal an eine böse Zeit - die für jüdische Menschen nicht bloß Krieg bedeutete, wie verharmlosend geredet wird, sondern organisierte Vernichtung - wird nun abgetragen. Wenn es kein Mahnmal war, dann nur für jene Menschen nicht, die das jüdische Gotteshaus nicht zu Wort kommen ließen und achtlos daran vorbeigingen. Wird eine Gedenktafel wenigstens an seine ehemalige Existenz erinnern?
Schließlich geriet auch die erste Neunkirchner Synagoge in Vergangenheit. Die "Judenschule" stand beim heutigen Hotel "Zum goldenen Löwen", bis im Jahre 1496 die Juden von Neunkirchen und Neustadt, damals zur Steiermark gehörig, vertrieben wurden. Nur der Simonikirtag in Neunkirchen erinnert noch an das Simonikircherl, in das die ehemalige Synagoge umgewandelt wurde. Diese Kirche wurde 1758 ein Opfer der großen Brandkatastrophe.

Eigentlich gehört die Synagoge, die jetzt abgetragen wird, der jüdischen Kultusgemeinde in Wien. Hätte die nicht schon vor Jahren für eine Restaurierung sorgen können? Hat man nicht so lange gewartet, bis es zu spät war? Aber, bitte, nicht so voreilig! Wie könnte eine Gemeinde, die heute bloß aus einigen tausend Mitgliedern besteht, noch dazu karitative Verpflichtungen großen Ausmaßes hat , die verfallenen Bauten in NÖ und Burgenland wieder herstellen, wenn in diesen Orten selbst keine Juden mehr leben und hebräisches Beten verstummt ist? Übrigens müssen 24 jüdische Friedhöfe in NÖ erhalten werden, denn nach jüdischem Religionsgesetz gilt die Friedhofsdauer auf ewige Zeiten, so daß Begräbnisstätten nie mehr profanen Zwecken dienen dürfen.

Ich steige in Gedanken versunken über den Schutt und ziehe da und dort Fragmente hebräischer Bücher aus dem Staub: Gebetbücher , Gebete zum Sabbat, Gebete für die Verstorbenen. Bibeltexte zur wöchentlichen Lesung , Kommentarliteratur, die Ostererzählung (Pesach - Haggada). Und hier ein Gotteswort vom Propheten Ezechiel niedergeschrieben:"... ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und ich bringe euch zurück in das Land Israel" (Ez 37, 12). Der Buchstabe zerfällt zu Asche, der Geist aber bleibt. Das Volk des Buches lebt!

Copyright © 1987 für Text und Bild - Stadtpfarrer P. Dr. Bernard Springer von Neunkirchen, hat den Friedhof mit seinen 155 erkennbaren Gräbern erforscht und übersetzt sowie einen Lageplan aller Gräber samt Namenslisten erstellt.
Für die Überlassung des Friedhofsplanes sowie sämtlicher Daten und Übersetzungen der hebräischen Grabstellen zur Veröffentlichung, möchte sich GRAVE-PICTURES hiermit nochmals herzlichst bedanken.

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