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Neunkirchen Fragen und Antworten zu Verstorbenen und Grabstellen

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Alt 19.01.2008, 21:12
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Standard Ein Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Neunkirchen

Geschichtslektion wider das Vergessen
von Stadtpfarrer P. Dr. Bernard Springer

Im Industriegelände an der Südbahn, einem Ortsteil von Neunkirchen, der zu den nichtssagendsten gehört, stehen zwei ebenerdige Häuschen aus Backstein, beidseitig eines Gittertores. Die eigenartig geschwungenen Fensterbögen im neomaurischen Stil verraten, freilich auch nur den damit Vertrauten, jüdische Architektur. Im 19. Jahrhundert haben Juden diesen Stil des mittelalterlichen Spanien sehr oft für den Bau ihrer Synagogen und Zeremonienhallen gewählt. Eine Stilform, die an eine Zeit kultureller Hochblüte des Judentums im islamischen Spanien erinnert. In einem dieser Häuschen, die zum jüdischen Friedhof Neunkirchen gehören, wohnt Frau Weninger, die im Auftrag der israelitischen Kultusgemeinde in Wien das Eingangstor hütet und die Grabsteine vor der allzu üppigen Vegetation beschützt. Die wenigen, regelmäßigen Besucher der Gräber Anverwandter kennt sie persönlich. Die anderen, die aus Interesse den Friedhof sehen wollen, empfängt sie freundlich und kommt mit ihnen gerne ins Gespräch. Sie hat sich sicher schon viel von den jüdischen Besuchern erzählen lassen, deswegen kann sie manche Fragen beantworten.

Vor uns liegt ein Areal, das viel länger als breit und nur zur Hälfte mit Gräbern belegt ist. Ein Großteil des Friedhofes ist Wiese. Einige Bäume haben hier in einer völlig pflegelosen Zeit Wurzeln geschlagen, doch schön, daß sie hier stehen. Dieser Friedhof ist einer von den 24 jüdischen Friedhöfen, die es in unserem Bundesland gibt und die alle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt wurden. Im benachbarten Burgenland gibt es wesentlich ältere jüdische Friedhöfe, z. B. in Kobersdorf, Lackenbach, Mattersburg und Eisenstadt. Im Burgenland, daß bis 1921 zu Ungarn gehörte, konnten jüdische Gemeinden dank einer toleranten Judenpolitik einige Jahrhunderte lang ihr Eigenleben entfalten. Die "Heiligen sieben Gemeinden" sind in der Geschichte des Diasporajudentums zu einem bekannten Begriff geworden. - Der Friedhof in Neunkirchen wurde 1890 angelegt, sieben Jahre nach der Erbauung der Synagoge in der Rohrbacher Straße (1883). Die Jahre zuvor wurden die Toten der kleinen Gemeinde auf einen der Friedhöfe Burgenlands übergeführt, bestanden doch gesellschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen zu den Gemeinden dort.

Abgesehen von den Synagogenfundamenten in der Rohrbacher Straße, die als Mahnmal belassen wurden, ist der Friedhof das deutlichste und einzige Zeugnis dafür, daß Juden hier gelebt haben. Wer sich Zeit nimmt, die Inschriften und Symbole der Grabsteine zu studieren, erfährt viel über Leben und Glauben der hier Ruhenden. Da ein Friedhofsverzeichnis nicht mehr vorhanden ist - es ging in der NS-Zeit verloren, oder wurde vernichtet - habe ich versucht ein Verzeichnis der noch lesbaren Namen und Daten zu erstellen. Doch die Verwitterung schreitet voran, so daß unwiederbringlich Namen, Texte und Daten unleserlich werden und verschwinden. Von den ca. 155 erhaltenen Grabsteinen sind 135, wenn auch mit Mühe, lesbar. Bestattungen selbst gab es über 170.

Neben einer Reihe prunkvoller Marmorsteine gibt es viele andere aus Granit, Zementguß und Sandstein, oder Marmorplatten, die in den Grabstein eingelassen wurden. Grabmäler aus Sandstein mit dem Rundbogenabschluß und einem Steinrand, der den Text umrahmt, lassen jüdische Tradition erkennen. Hier hat man die einfachen, undekorierten und mit hebräischen Schriftzeichen versehenen mittelalterlichen Grabsteine zum Vorbild genommen. Der kleine Doppelstein, ein Grabmahl für Zwillinge, ist den "Tafeln des Bundes" nachempfunden. Die Palmette und der Pinienzapfen als architektonische Ziermotive sind der orientalischen Kunst entnommen und finden sich gelegentlich als Bekrönung der Grabdenkmäler.

Ein Datum des Grauens die "Kristallnacht", hat auch hier bleibende Spuren hinterlassen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden im damaligen Deutschen Reich in einer geplanten Aktion öffentliche jüdische Einrichtungen, Synagogen und Friedhöfe demoliert oder verbrannt. In Niederösterreich, Burgenland und in der Oststeiermark sind 45 jüdische Friedhöfe verwüstet worden. Zerbrochene Grabsteine, die heute schon in die Erde gesunken sind, und Grabmäler, die Überlebende nach dem Holocaust zusammensetzen und aufstellen ließen, geben auch in Neunkirchen Zeugnis von diesem dunklen Kapitel österreichischer Geschichte. Der Untergang der jüdischen Gemeinde ist hier ablesbar. Nach der Beisetzung von Sigmund Preis, der 1938 im Alter von 39 Jahren von den Nazis ermordet wurde, erfolgten nach 1945 nur 3 Bestattungen. Einige wenige Juden kehrten nach dem Krieg in die Stadt Neunkirchen zurück.

Jeder jüdische Friedhof gibt auch Auskunft über das Phänomen der Assimilation an die bürgerlich-christliche Kultur. Hier in Neunkirchen muß die Verwurzelung in der jüdischen Tradition noch stark und vorherrschend gewesen sein. Im Vergleich zur jüdischen Abteilung auf dem Zentralfriedhof in Wien beim 1. Tor finden wir hier verhältnismäßig viele Grabsteine (ca. 40%), die ausschließlich hebräisch beschriftet sind. Auf vielen anderen sind deutschsprachige Angaben (Name und Datum) unter dem traditionellen hebräischen Text gesetzt. Nur auf 12 Steinen ist kein hebräischer Buchstabe zu finden.

Grabsteine mit hebräischem Text weisen ein relativ einheitliches Grundschema auf. Die Inschrift beginnt mit zwei Buchstaben, die das "Hier ruht" abkürzen und endet mit fünf einzelnen Buchstaben, die den Segenswunsch aus 1 Sam 25, 29 durch die Anfangsbuchstaben der Worte wiedergeben: "Seine (ihre) Seele sei eingeschlossen im Bündel des Lebens". Dazwischen stehen Angaben über den Verstorbenen, vor allem was diesen ausgezeichnet hat. Das Lob des Verstorbenen (Eulogie) ist in den meisten Fällen ohne sehr konkrete Daten aus dem Leben und bezieht sich ganz auf den sozialen und religiösen Bereich. Die berufliche Stellung und äußere Erfolge werden hier nicht genannt. Auch die deutschen Inschriften halten sich meist an diese Regel. Auf etwa dreißig Steinen ist das Lob des Verstorbenen als Akrostikon verfaßt, d. h. die Anfangsbuchstaben der Zeilen, von oben nach unten gelesen, ergeben den Namen des Bestatteten, sie sind hervorgehoben durch größere Buchstaben oder Markierungen darüber.

Auf dem Grabstein, der für den letzten in Neunkirchen amtierenden Rabbiner - er starb 1927 - gesetzt wurde, lesen wir das poesievolle Lob:



Unser verehrter Vater und Lehrer
liegt hier begraben im Garten der Gerechten
Der Meister und Rabbi, der unermüdlich die hl. Lehre verteidigte,
Shimon Zwi Goldstein
Sein Andenken sei gesegnet!
Ein guter Name ging von Shimon aus und weithin reichte sein Ruf ...
Barmherzigkeit und rechten Spruch hat er geliebt
Dem Volk des Herrn gab es festen Halt
Der Herr nehme seine Seele auf in Liebe
Am letzten Tag des Pessach ist seine Seele heimgegangen

Die hebräischen Inschriften geben nach dem Namen des Verstorbenen oft den des Vaters an, oder auch den der Mutter. Bei verheirateten Frauen wird der Name des Ehemannes genannt. Der bürgerliche Vorname ist oft mit einem aus der jüdischen Tradition verbunden. Dazu einige Beispiele: Alexander Meshulam, Regina Rivka, Katharina Krindl, Josef Segal, Abraham Adolf, Moritz Moshe, Rosa Rachel, Karl Kalman, Isidor Jitzchak. - Die Übersetzung der Daten des hebräischen Kalenders ist nicht besonders schwierig, wenn man den Schlüssel dazu kennt. Eine Erklärung würde hier jedoch zu weit führen. Da die hebräischen Buchstaben jeweils auch einen Zahlenwert besitzen, müssen die als Ziffern kenntlich gemachten Buchstaben addiert werden. (Das Jahr 1987 entspricht der Jahreszahl 5747 im jüdischen Kalender.)

Es verwundert, daß nur eine kleine Anzahl von Grabsteinen mit religiösen Symbolen geschmückt ist. Das mag mit dem starken religiösen Charakter der hebräischen Buchstaben zusammenhängen. (Mittelalterliche jüdische Grabsteine tragen keine Symbole.) Das strenge Schriftbild besitzt eine Ausstrahlung, der sich auch ein des Hebräischen Unkundiger nicht entziehen kann.
Es ist empfehlenswert, die sechs Grabsteine aus dem 13. und 14. Jhdt. an der westlichen Stadtmauer von Wiener Neustadt anzusehen.

Zwei Symbole, die wir auch auf unserem Friedhof antreffen, weisen auf eine religiöse Besonderheit hin: Der Levitenkrug und die segnenden Hände. Der Krug, manchmal auch verbunden mit einer Wasserschale, will die Abstammung aus dem Stamme der Leviten bezeugen. Die Leviten dienten in biblischer Zeit im Tempel von Jerusalem. Ihr Symbol ist der Krug mit dem reinigendem Wasser. Auf dem Grabmahl des Ludwig Kohn (Jaakob Elieser Ha-Kohen) sehen wir die segnenden Priesterhände. Der Familienname weist hier auf die Herkunft aus einer Kohanim (Priester)-Familie der biblischen Zeit hin. Mit erhobenen Händen segnen die "Kohanim" die Gemeinde im Synagogengottesdienst mit dem aronitischen Segen (Num. 6, 22-27). Mehrmals begegnen wir dem "Davidsschild", der seit frühester Zeit in verschiedenen Kulturen als Ornament benützt wurde. Zum allgemeinen Symbol des Judentums wurde der Stern aber erst im 19. und 20. Jhdt. Der "Lebensbaum" ist eine poetische Bezeichnung der Gotteslehre (Tora), die dem gläubigen Juden den Weg zur Lebenserfüllung weist. Die Krone versinnbildlicht den guten Namen. "Drei Kronen können den Menschen zieren: die Krone der Tora, des Priestertums, des Königtums, aber die des guten Namens überragt alle drei". (Sprüche der Väter 4, 17)

Der Mittelteil des Friedhofes ist eine ungepflegte Wiese, geplant als Abteilung für Kindergräber. Wenn wir den Boden genauer ansehen, bemerken wir eine Anzahl gerade noch erkennbarer Grabhügel. Hier haben die aus verschiedenen Ländern deportierten Juden, die in der Zeit von 1940-1945 als Zwangsarbeiter in Neunkirchen lebten und unter unmenschlichen Verhältnissen in der Synagoge einquartiert waren, ihre Toten begraben. Man weiß nicht genau, wieviele hier bestattet wurden, da wahrscheinlich das jüdische Gesetz, kein Grab mehrmals zu belegen, hier nicht mehr beobachtet wurde. Vor allem Kinder haben nicht überlebt. Frau Weninger, die Friedhofswärterin, erzählte mir, daß vor einigen Jahren ein Rabbiner aus Israel - im Auftrag der Mutter eines hier begrabenen Kindes - den Friedhof besucht und an den Gräbern die rituellen Begräbnisgebete gesprochen hat. Eine Blechtafel, die im hohen Gras leicht zu übersehen ist, bezeichnet das einzige nicht namenlose Grab. Dieser Text in ungarischer Sprache, wurde mit einfachem Werkzeug hineingehämmert: "Die Grausamkeiten der Deportation haben nicht überlebt die Frau des Sandor Porgesz und Peter Kun. Hier haben wir unsere teuren Angehörigen begraben. Im Jahre 1945". Wenige Meter von den namenlosen Deportiertengräbern - wie zum Beweis, daß diese Juden, denen der Rassenwahn das Menschsein absprach, treue Bürger ihres Vaterlandes waren - lesen wir den Namen Wilhelm Bellak, eines k. & k. Hauptmannes der Reserve, und Dr. juris Simon Meller-Kriegel, eines Einjährig-Freiwilligen im k. & k. Inf.-Reg. Hoch und Deutschmeister No 4, gestorben im 25. Lebensjahre ...

Es hat hier in Neunkirchen nur bis 1938 eine jüdische Gemeinde gegeben, der Friedhof aber ist im Verständnis der Juden kein ehemaliger, sondern "bet olam", Stätte der Ewigkeit. Er ist ein Zeugnis biblischer Hoffnungskraft, des Glaubens an Gott, der selbst die Gräber öffnet und Tote erweckt. Die Erde, in die ein Jude gebettet wird, ist sein Eigentum für immer. Daher darf auch kein Friedhof aufgelassen werden.

Der Besuch dieses Friehofes ist nicht nur eine eindrucksvolle Geschichtslektion, eine Begegnung mit der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Neunkirchen, er wird auch zu einem erschütternden Erlebnis, weil wir mit der unheilvollen Geschichte der NS-Zeit konfrontiert werden, mit einem menschenverachtenden Ungeist, dem es in den Anfängen, wo er auch auftritt, zu widerstehen und zu bekämpfen gilt. Ein Besuch hier wäre im Rahmen des Zeitgeschichte- oder Religionsunterrichtes sehr zu empfehlen.

Beim Verlassen des Friedhofes lege ich ein Steinchen auf das Grab des Rabbiners, der hier vor mehr als fünfzig Jahren die Gemeinde leitete. Kleine Steinchen auf die Gräber zu legen, ist ein Zeichen des Besuches eines Angehörigen. Der unvergängliche Stein soll mein Gedenken bezeugen. Gedenken führt zum Leben - Vergessen in den Tod.

Copyright © 1987 für Text - Stadtpfarrer P. Dr. Bernard Springer von Neunkirchen, hat den Friedhof mit seinen 155 erkennbaren Gräbern erforscht und übersetzt sowie einen Lageplan aller Gräber samt Namenslisten erstellt.
Für die Überlassung des Friedhofsplanes sowie sämtlicher Daten und Übersetzungen der hebräischen Grabstellen zur Veröffentlichung, möchte sich GRAVE-PICTURES hiermit nochmals herzlichst bedanken.

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