In Wien-Währing befindet sich ein kaum bekanntes und vom Verfall bedrohtes historisches Juwel - der jüdische Friedhof Währing.
Als einer der letzten Friedhöfe des Biedermeier in Wien dokumentiert dieser Ort die Blüte des jüdischen Bürgertums in der damaligen Hauptstadt der Doppelmonarchie im 19. Jahrhundert. Viele der auf diesem Friedhof bestatteten jüdischen Familien gehörten zu den führenden Vertretern der Kunst und Kultur Wiens und des wirtschaftlichen Aufschwungs der industriellen Revolution.
Wie in vielen Fällen stellt auch dieser Friedhof den letzten erfahrbaren Rest einer einst blühenden jüdischen Gemeinde dar. Hier sind die Gründerväter der Wiener israelitischen Kultusgemeinde begraben.
Jüdische Friedhöfe sind Orte der langfristigen Erinnerung und werden als Bet ha-chajjim (Ort des Lebens) oder Bet ha-olam (Ort der Ewigkeit) bezeichnet.
In den Grundsätzen der jüdischen Religion sind die Unversehrtheit jeder Grabstelle und der immerwährende Bestand eines jüdischen Friedhofs oberstes Gebot.
Der jüdische Friedhof Währing spiegelt die Geschichte einer einstmals lebendigen jüdischen Gemeinde in Ihrer spezifischen, einzigartigen kulturhistorischen Bedeutung und in ihren religiösen und sozialen Vorstellungen wider.
Nur eine dringend erforderliche Sanierung kann den Verfall und damit den unwiederbringlichen Verlust eines bedeutenden Kulturguts, wie es der Währinger Friedhof ist, verhindern.
Marco Schreuder
Landtagsabgeordneter
Impressum: Grüner Klub im Rathaus, 1082 Wien. Druckerei: Resch.
Die Grünen Wien haben sich entschlossen, eine nützliche Broschüre Link zu --> Begleiter - Wegweiser mit Friedhofsplan und Bildern durch den Jüdischen Friedhof Währing zu produzieren, um zur Rettung dieses kulturhistorischen Orts aus der Biedermeierzeit beizutragen.
Der gesamte hier dokumentierte Text ist dieser Broschüre entnommen und unterliegt dem Copyright "Die Grünen Wien" und den Verfassern Dr. Ariel Muzicant, Präsident Israelitische Kultusgemeinde Wien und Frau Mag. Tina Walzer.
Leider ist der Jüdische Friedhof in Währing (heute in Döbling liegend), in einem beklagenswerten Zustand. Herabfallende Äste, ungehinderter Wildwuchs, Grabsteine aushebelnder Wurzelwuchs,... All das bedroht diesen wunderbaren Ort, der uns, Menschen des 21. Jahrhundert, so viel erzählen kann, uns die Geschichte des Jüdischen Wiens des frühen 19. Jahrhunderts eindrucksvoll nahe bringen kann.
Den Nazionalsozialisten gelang es nur einen Teil des Friedhofs zu zerstören. Nun allerdings bedroht Nichtstun diesen Friedhof dem Verfall preiszugeben, obwohl sich Österreich 2001 im Washingtoner Abkommen verpflichtet hat, zur Finanzierung und zur Pflege von Jüdischen Friedhöfen beizutragen.
Wir werden nicht müde werden, und uns weiterhin für die Rettung dieses einzigartigen Areals einzusetzen.
Besonderen Dank gilt der Historikerin Tina Walzer, die seit Jahren unermüdlich den Friedhof erforscht und diesen Rundgang geschrieben hat.
Der Währinger jüdische Friedhof ist ein einzigartiges Dokument der Wiener Kultur, Kunst, Wirtschaft und Sozialgeschichte.
In die Epoche seines Bestehens (1784 - 1880) fallen bahnbrechende Entwicklungen, die bis heute den Charakter der Stadt, aber auch der gesamten Region und des Staates bestimmen. Als Begräbnisstätte für alle Mitglieder der damals entstandenen jüdischen Gemeinde Wiens ist er ein Spiegelbild jenes Bevölkerungsteiles, der die industrielle Revolution, die Herausbildung einer modernen Gesellschaft, des bis heute gültigen politischen Systems sowie der Künste entscheidend mitgestaltete. Der Währinger jüdische Friedhof stellt das einzige erhaltene Zeugnis dar, das diesen zerstörten und vielfach unbekannten jüdischen Anteil Wiens, Österreichs und Mitteleuropas Vergangenheit heute noch umfassend sichtbar zu machen vermag.
Die Anlage bewahrt bis heute trotz des hohen Zerstörungsgrades den Charakter eines Biedermeierfriedhofes und ist mit der architektonisch bemerkenswerten Gestaltung ihrer Grabmäler im höchstem Masse erhaltungswürdig. Jeder Grabstein verleiht dem Selbstverständnis und Anspruch des Einzelnen, aber auch der Gemeinschaft der Wiener jüdischen Bevölkerung Ausdruck, als selbst gesetztes Denkmal, das den individuellen Bedürfnissen und den materiellen Möglichkeiten sowie dem Zeitgeschmack entsprechend gestaltet worden ist. Der Friedhof lässt sich durchaus als Museum unter freiem Himmel bezeichnen. Alle bedeutenden Entwicklungen des 19. Jahrhunderts lassen sich an ihm in höchst einprägsamer Art und Weise ablesen und einem interessierten in- und ausländischen Publikum nahe bringen.
Besonders hervorzuheben ist die überaus große, historisch bedeutsame und gestalterisch ungewöhnliche sephardische Abteilung, die in ganz Europa ihresgleichen sucht.
Geschichte:
Der Währinger Friedhof ist als Biedermeier-Anlage das jüdische Pendant zum bekannten christlichen Friedhof St. Marx.
Er wurde 1784 in Zusammenhang mit der Sanitätsverordnung Josephs II. eingerichtet, die Friedhöfe im dicht bewohnten Stadtgebiet aus hygienischen Gründen zu schließen. An die Stelle des alten jüdischen Friedhofes in der Seegasse trat ein Teil des Ortsfriedhofes von Währing, unmittelbar außerhalb des Linienwalls. Das rund 2 Hektar große Areal war ausschließlich jüdischen Bestattungen vorbehalten und mittels einer Mauer vom christlichen Friedhof abgetrennt. Zwei mal erweitert, erstreckte es sich schließlich in ost-westlicher Richtung bis hin zur Döblinger Hauptstraße. Bis 1874 diente es als offizieller Begräbnisplatz aller in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien verstorbenen Juden - vermutlich bis zu 30.000 Personen insgesamt. Dazu gehörten nicht nur die in Wien wohnhaften Personen jüdischen Glaubens, sondern auch jene, die auf der Durchreise in Wien verstarben und daher nicht in ihrem Heimatort bestattet werden konnten.
Rund 8.000 Grabstellen sind mit biographischen Details und Grabsteininschriften dokumentiert. Mit der Inbetriebnahme des Zentralfriedhofes und seiner eigenen "israelitischen Abteilung" im Jahre 1874 verlor der Währinger jüdische Friedhof seine Bedeutung als Begräbnisstätte der Juden Wiens. Vereinzelt wurden Familiengräber noch bis in die späten 1880er Jahre belegt, danach wurden keine weiteren Bestattungen mehr durchgeführt. Während der Ortsfriedhof Währing in den folgenden Jahren aufgelöst wurde und an seine Stelle der Währinger Park trat, blieb der jüdische Bereich bestehen. Die Anlage erfuhr lediglich eine behutsame Umgestaltung in eine "parkähnliche" Anlage durch die israelitische Kultusgemeinde selbst.
Nach dem jüdischen Religionsgesetz gehört ein jüdisches Grab ausschließlich dem Toten. Es ist auf ewig unantastbar. Dem religiösen Gebot folgend müssen daher ein jüdisches Grab und ein jüdischer Friedhof auf ewige Zeiten bestehen bleiben.
Zerstörungen:
Während der NS-Zeit wurden rund 1.500 Gräber bei Aushubarbeiten für einen Löschwasserteich zerstört. Im Namen einer nazionalsozialistischen "Rassekunde" wurden überdies die Gebeine ganzer Familien exhumiert - insgesamt über 200 Personen, und ins Naturhistorische Museum gebracht, wo sie dann zum Teil jahrzehntelang, bis zu ihrer Wiederbeerdigung in Massengräbern verblieben. Der Friedhof als Eigentum der Wiener jüdischen Gemeinde wurde durch den NS-Staat enteignet und ging 1942 in den Besitz der Stadt Wien über. Angeblich verdankt der Friedhof seine Rettung vor einer großflächigen Zerstörung einem engagierten Magistratsbeamten, der das Areal kurzerhand zum Vogelschutzgebiet erklärte. Die Gräber der berühmtesten Persönlichkeiten verlegte die Kultusgemeinde in einer Rettungsaktion auf den Zentralfriedhof. In der Nachkriegszeit wurde der Friedhof an die neu entstandene Wiener Kultusgemeinde restituiert. Diese trat den zerstörten Teil des Areals an die Stadt Wien ab, welche sich im Gegenzug verpflichtete, die religiösen Gebote zu respektieren und das übernommene Areal als Grünland zu bewahren. Wenige Jahre später wurde darauf ein gemeinnütziger Wohnbau errichtet, der nach wie vor bestehende "Arthur Schnitzler-Hof".
Status quo:
Der Erhaltungszustand des bestehenden Areals ist denkbar schlecht. Zu den Zerstörungen der nationalsozialistischen Zeit kommen an den Grabmälern schwerwiegende Schäden durch Abräumaktionen und Vandalismus sowie durch Umwelteinflüsse wie sauren Regen, Frost und Bewuchs. Die Grabsteine aus Sandstein sind bis zur Unkenntlichkeit abgewittert, anderswo tonnenschwere Steine zerbrochen meterhoch aufgetürmt.
Die Weganlagen sind mehrheitlich überwachsen und nicht mehr begehbar, die Beschilderungen wurden größtenteils entfernt, sodass eine Orientierung auf dem Areal ohne Hilfe unmöglich ist. Der historische Baumbestand ist stark überaltet, immer wieder richten herabstürzende Äste und Baumteile schwere Schäden an. Einige Familien-Gruftanlagen entlang der Friedhofsmauer stehen seit der NS-Zeit offen und stellen eine weitere Gefahrenquelle dar.
Richtig ist: Der Friedhof war bis ins Frühjahr 1876 die Begräbnisstädte der Wiener Juden, zuletzt belegt im Jahre 1911. Die erwähnte Dokumentation von etwa 8000 Begrabenen wurde um 1906 von Dr. Pinkas Heinrich erstellt - leider wurde nicht die Originalquelle herangezogen, sondern der unvollständige Film im Wiener Stadt- und Landesarchiv. Ich habe versucht, die dadurch entstanden Lücken aus anderen Quellen zu füllen. Die Primär-Quellen, also Friedhofs- und Sterbebücher der IKG, wurden nicht oder nur in wenigen Fällen berücksichtigt, woraus sich die Diskrepanz zur Gesamtzahl der dort Bestatteten erklärt (8.000 vs. um 30.000).