Über die fünf mittelalterlichen jüdischen Grabsteine:
Medieval grave stones Wiener Neustadt
In 2007 the AKJF– Aktion Kulturdenkmal Juedischer Friedhof – which is presided by Dr. Werner Sulzgruber, has uncovered five medieval grave stones during a cleaning-up operation in the cemetery of Wiener Neustadt; the stones date back to 1268, 1341, 1346, 1551 and 1684 respectively; they were restored with the help of the community Wiener Neustadt, IKG Vienna, and the Bundesdenkmalamt (the Austrian National Trust). On 19 November they were presented to the public.
Die jüdische Gemeinde im Mittelalter und ihr Friedhof
In Wiener Neustadt hatten sich Juden bald nach der Stadtgründung angesiedelt. Eine jüdische Gemeinde bestand spätestens seit dem 13. Jahrhundert. Während der Regierungszeit von Kaiser Friedrich III., der die „Neustadt“ zu seiner Residenz ausgewählt hatte, kam es zur Blüte der jüdischen Gemeinde. Das Judenviertel befand sich südwestlich des Hauptplatzes im „Minderbrüder-Viertel“. Das Zentrum des Judenviertels bildete der Bereich des heutigen Allerheiligenplatzes, wo sich einst beispielsweise die Synagoge und das Spital befanden.
Der jüdische Friedhof von Wiener Neustadt lag allerdings – im Gegensatz zur christlichen Begräbnisstätte – außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern im Süden, nämlich auf dem Gebiet des heutigen Stadtparks.
Nach der Vertreibung der Juden 1496 aus Wiener Neustadt, ging das Gebiet des Friedhofs an Kaiser Maximilian I. und später an die Stadt- bzw. Burghauptmannschaft Wiener Neustadt.
Vom Verbleib der Grabsteine
Im 16. Jahrhundert wurde der „Judenfriedhof“ zerstört, weil vor der Stadtmauer neue Verteidigungsanlagen, Basteien, gebaut wurden. Spätestens damals waren jegliche Hinweise auf den jüdischen Friedhof verschwunden.
Als Mitte des 19. Jahrhunderts diese Basteien abgetragen wurden, stieß man auf eine geraume Anzahl von jüdischen Grabsteinen. Diese waren als Baumaterial verwendet worden. So fand man beispielsweise im Jahre 1846 Grabsteine, als die „Grübelschanze“ (Kapuzinerbastei) abgetragen wurde, und 1862, als das „Neunkirchner Tor“ geschliffen wurde.
Die letzte greifbare Information über den Verbleib der 1862 entdeckten Grabsteine stammt aus dem Jahr 1927, wo erwähnt wurde, dass vier der Grabsteine auf den neuen jüdischen Friedhof gekommen seien. Dieser war 1888/89 errichtet worden, insofern mussten die genannten vier Grabsteine danach ihren Weg dorthin gefunden haben. In allen späteren einschlägigen wissenschaftlichen Aufsätzen und Arbeiten wurden einzelne dieser Grabsteine zwar noch erwähnt, aber den Autoren war es nicht möglich, den Standort derselben zu eruieren.
Zur Auffindung der Grabsteine
Im Mai 2007 begann der Historiker Dr. Werner Sulzgruber mit der Erforschung des jüdischen Friedhofs von Wiener Neustadt. Nachdem von ihm zwei mittelalterliche Grabsteine auf dem Gelände aufgefunden worden waren, machte er sich auf die Suche nach den weiteren – wie die letzte Erwähnung vermuten ließ – verbleibenden zwei Grabsteinen.
Die besondere Überraschung lag nun darin, dass letztlich von ihm insgesamt fünf mittelalterliche jüdische Grabsteine sichergestellt werden konnten: Zwei Grabsteine lagen im Erdreich versenkt – als solche nicht erkennbar. Ein Grabstein, noch dazu der größte von allen, ruhte unter Steinbrocken, Schutt und Verwuchs – dem Auge entzogen. Die nun als mögliche Platten sichtbar gewordenen Steinteile oder -flächen wurden von ihm vorsichtig freigemacht und mussten schließlich mittels eines Krans gehoben werden. Nicht nur zwei, sondern drei Grabsteine mit hebräischen Schriftzeichen traten so nach Jahrzehnten an die Oberfläche.
Bei Grabsteinen dieser Art und in diesem Erhaltungszustand handelt es sich um wahre Kulturschätze, denn die Anzahl mittelalterlicher Grabsteine ist in Österreich äußerst gering und daher jeder Fund eine Sensation. Man muss sich vor Augen führen, dass dieser Kulturschatz (nach der Vertreibung im Spätmittelalter) hunderte Jahre und nach seiner Entdeckung Mitte des 19. Jahrhunderts (1862) sogar die Zerstörungen in der Zeit des Nationalsozialismus sowie die massiven Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs überstanden hatte.
Der Weg bis zur Aufstellung
Seit 2007 bemühte sich der Historiker Dr. Werner Sulzgruber um die Restaurierung und Aufstellung dieser Kulturschätze.
Die Wegbereitung auf politischer Ebene bildet die Grundlage des Projekts. Bürgermeister Bernhard Müller und Kulturstadträtin Isabella Siedl gaben angesichts der Besonderheit der Fundes und ihres Wertes für die Stadt Wiener Neustadt sofort das politische Ja. Für das Gelingen des Projekts war in Folge die Unterstützung von folgenden Personen wichtig: Gemeinderat Martin Weber (ehem. Leiter der Immobilienabteilung), Professor Franz Pinczolits (Leiter des Kulturamtes), Reg.Rat Norbert Koppensteiner (ehem. Leiter des Stadtmuseums), Mag. Eveline Klein (Referatsleiterin Archiv, Museum und Denkmalpflege), Mag. Raimund Fastenbauer (Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien) und DI DDr. Schicht (Bundesdenkmalamt Niederösterreich).
Mag. Johannes Reiss, Direktor des Österreichischen Jüdischen Museums, Eisenstadt, übernahm die Datierung und Übersetzung.
Durch eine gemeinsame Finanzierung seitens der Stadtgemeinde Wiener Neustadt, der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und des Bundesdenkmalamtes Niederösterreich konnte die notwendige Restaurierung durch den Fachmann Mag. Christian Gurtner realisiert werden und letztlich auch die Aufstellung – in Form einer Installation an der Nordmauer des jüdischen Friedhofs – Wirklichkeit werden.
Dr. Werner Sulzgruber meinte dazu: „Nur durch die Zusammenarbeit von Menschen mit historischem Bewusstsein, Verständnis für Kultur und kulturelle Wert und Verantwortungsgefühl konnte dieses Projekt gelingen. Hinsichtlich der Geschichte dieser Grabsteine grenzt es an ein Wunder, dass diese nun am Beginn des 21. Jahrhunderts in diesem wunderbaren Erhaltungszustand erstrahlen.“
Nach zweieinhalb Jahren wurde am 19. November 2009 der wiederentdeckte Kulturschatz aus dem Mittelalter der Öffentlichkeit präsentiert.
Ergänzend: „Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt“
Die fünf mittelalterlichen jüdischen Grabsteine, die auf dem jüdischen Friedhof, zur Aufstellung gekommen sind, zeugen von der jüdischen Vergangenheit. Sie sind Symbole jüdischen Lebens in der „Neustadt“ im Mittelalter. Der jüdische Friedhof an sich ist ein letztes Zeichen der jüdischen Gemeinde des 19. und 20. Jahrhunderts, die bis 1938 existierte. Die dort befindlichen Grabsteine sind „steinerne Zeugen der Zeit“. Über sie kann die Geschichte dargestellt werden, jüdische Kultur vermittelt und vom Leben und Tod der jüdischen Bevölkerung erzählt werden. Er bietet die Chance, aus der Geschichte zu lernen.
Seit dem März 2009 besteht das Ziel für den jüdischen Friedhof Wiener Neustadt darin, ihn als Lern- und Gedenkstätte im südlichen Niederösterreich zu etablieren.
Dafür sind zum einen gewisse Sanierungen vor Ort erforderlich, die sich beispielsweise auf den Zugangsbereich, die Umfassungsmauer und umgefallene neuzeitliche Grabsteine beziehen, zum anderen wurde ein wissenschaftliches Forschungsprojekt unter der Leitung von Dr. Werner Sulzgruber gestartet, das unter anderem die vollständige Dokumentation des denkmalgeschützten Ortes verfolgt, aber noch finanzielle Unterstützung braucht.
Das Ergebnis soll sein, dass erstmals Informationen über diesen Ort in Buchform fassbar sind, pädagogische Programme und Führungen angeboten werden und Interessierten über eine Homepage Daten und Lernmaterialien zur Verfügung gestellt werden.
Die „Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt“ wird 2010 ein Beitrag zum bestehenden Bildungsangebot, zur Stadt- und Regionalgeschichte von Wiener Neustadt und zur „Erinnerungskultur“ in Niederösterreich sein.